Briten sind ein sehr vorsichtiges Volk. Sicherheit ist ihnen ausgesprochen wichtig. Ich glaube, sie haben die Redensart ‘Play it safe’ (etwa: ‘Auf Nummer Sicher gehen’) erfunden. Zufällig ist es ein englischer Spruch, also stehen die Chancen gut, dass ich Recht habe.
Ich werd nie begreifen, warum es hier so viele Dinge gibt, die darauf angelegt sind, das Leben der Leute so risikolos wie möglich zu machen. Wie zum Beispiel die neonfarbenen Sicherheitswesten, die hier jeder Radfahrer und Berufskraftfahrer trägt, gemeinsam mit jeder Menge Gärtnern, Müllaufsammlern, Supermarkt-Kassierern und ganz normalen Leuten, die einfach so die Straße entlang laufen. Na klar, wenn ich ein Schülerlotse wäre, würde ich mir so ein Ding auch überwerfen. Aber nur weil ich das Haus frühmorgens vor Sonnenaufgang verlasse, heißt das doch noch lange nicht, dass ich ohne meine Neonweste automatisch von einem Auto überfahren werde! Es sei denn natürlich, dass ich Probleme damit habe, auf Grün zu warten, bevor ich die Straße überquere.
Und was sollen diese Unmengen an Warnschildern? Ich dachte ja eigentlich, wir Deutschen wären die Weltmeister der lächerlichen und überflüssigen Gefahrenschilder à la ‘Gehen Sie nicht zu nahe an den Abgrund heran, Sie könnten hinunterfallen!’. Seht euch mal das hier an:

'Kilimandscharo-Spielplatz. Alle Kinder, die diesen Spielplatz benutzen, müssen unter elterlicher Aufsicht stehen. Wir empfehlen außerdem, dass der Turm nicht für Kinder unter 5 Jahren geeignet ist.' - Haftungsausschluss auf die Spitze getrieben!
Tut mir leid, aber das kleine Monster war noch nicht mal halb so alt als er ganz selbstverständlich auf besagten Turm zurannte und anfing, die Leiter zu besteigen, deren Sprossen etwa halb so hoch waren wie er. Zunächst musste ich ihm noch ein bisschen Unterstützung geben, indem ich meine Hand unter seinen Hosenboden hielt, aber schon bald kletterte er ganz allein bis nach oben und kam auch genauso die echt lange Rutsche wieder runter.
Für ihn war das eine Riesen-Leistung, und entsprechend stolz war er natürlich. Wie komme ich denn dazu, solchen Enthusiasmus zu bremsen, indem ich ihm erkläre, dass er noch gut 2 1/2 Jahre warten müsse? Nur damit der Zoo nicht verklagt werden kann, falls jemals einem Unter-5-Jährigen irgendetwas zustoßen sollte!
Diese Art von Haftungsbegrenzung ist hier unglücklicherweise nur zu verbreitet. Als mich Freunde aus Deutschland letztes Jahr besuchten, mussten wir beinahe einen Sport daraus machen, einen Laden zu finden, der das Babygläschen für ihren Jüngsten mal kurz in die Mikrowelle stellt. In der Regel brauchten wir mehrere Anläufe, und die übliche Ausrede (insbesondere – aber nicht ausschließlich – in Ketten wie Subway oder Burger King) war “Tut mir leid, aber mein Chef erlaubt so etwas nicht, weil er verklagt werden könnte, wenn ich es zu heiß mache und Ihr Kleines sich die Zunge verbrennt”. Echt?! Welche Eltern würden denn 1. die Temperatur nicht testen, bevor sie ihrem Baby etwas füttern, das jemand anderes aufgewärmt hat und 2. die hilfreiche Seele verklagen, die Mitleid mit ihrem hungrigen Kleinkind hatte?
Ich glaube übrigens auch, dass die Inselaffen Helikopter-Eltern erfunden haben. Ihr wisst schon, solche, die ihre lieben Kleinen nie etwas alleine machen lassen, aus Sorge, es könnte etwas passieren. Wenn man sich auch nur mal kurz auf dem Spielplatz auf eine Bank setzt und sein Kind allein herumrennen und die Welt entdecken lässt, bekommt man schon fiese Blicke zugeschmissen. Neulich hatte mein kleines Monster auf dem Nachhauseweg vom Supermarkt einen Trotzanfall (so was soll bei 2-Jährigen vorkommen, hab ich gehört), und ich hatte echt keine Lust, das kreischende, sich windende Etwas hinter mir herzuschleifen. Also lief ich einfach ganz langsam weiter, in dem Wissen, dass er mir letzten Endes doch hinterhergedackelt kommen würde, wie er es immer tut. Bevor das allerdings geschehen konnte, wurde ich von einen mir völlig fremden Mann angeranzt, dem die etwa 30 m Entfernung zwischen uns beiden zu groß schien um sicher zu sein. Sicher wovor ist mir bis heute ein Rätsel, schließlich ist der Fußweg an dieser Stelle mit einem Zaun von der Straße abgeschottet. Ich schätze, ich hätte das kleine Monster an die Leine legen sollen, das wäre ihm eine Lehre gewesen!
Genau wie an dem Tag, als wir ihn mit ins Kindertheater genommen haben. Ok, man könnte natürlich argumentieren, dass ein Noch-nicht-ganz-3-Jähriger eigentlich nicht unbedingt ins Theater mitgeschleppt werden muss, aber ich habe wohl, trotz meiner generellen Großartigkeit, so meine eher fragwürdigen Momente, wie jede andere Mutter auch. Abgesehen davon hatte meine Schwiegermutter wochenlang davon geschwärmt, wie toll diese Kinder-Weihnachtsaufführungen seien, mit lauthals mitsingenden und in den Gängen tanzenden Kiddies. Außer dass es niemandem erlaubt war, sich in den Gängen aufzuhalten. Aus Sicherheitsgründen. Natürlich. Es könnte ja jemand über ihn fallen oder er könnte die Treppen hinunterpurzeln, um Gottes Willen!
Ich hab Neuigkeiten für euch, Leute: Kinder brauchen es, allein herumrennen zu können, sich mal den Kopf zu stoßen oder vom Klettergerüst zu fallen. Das nennt man Abenteuer, und es ist ein integraler Bestandteil des Heranwachsens. Meistens werden sie sich nicht mal (dolle) wehtun, weil ihre Gräten noch so super-elastisch sind. Und es wird ihnen wertvolle Fähigkeiten fürs Leben beibringen. Wie zum Beispiel Risiken richtig einzuschätzen oder herauszufinden, wo ihre Grenzen sind. Diese Grenzen herauszufordern um erfolgreich zu sein. In ihr eigenes Können zu vertrauen und um Hilfe zu bitten, wenn sie mal das Gefühl haben, etwas nicht allein schaffen zu können. Ich bin überzeugt, dass eure Kinder bessere Erwachsene werden, wenn ihr sie nicht ununterbrochen verhätschelt!
Und bitte, versucht nicht ständig, für mich zu entscheiden, was zu gefährlich ist und was nicht! So was macht mich nur rebellisch, und am Ende gehe ich Risiken ein, die ich nicht eingegangen wäre, wenn sie nicht verboten wären.
Anmerkung: Eigentlich bin ich gar nicht so eine schlechte Mutter, wie ich mich hier darstelle. Mein kleines Monster darf tatsächlich total risikolose Spiele spielen, ich tröste ihn, wenn er sich weh tut und ich zucke zusammen, wenn er mal wieder völlig unkoordiniert und mit Überlkeit erregender Geschwindigkeit rennt, klettert oder sonstige gewagte Manöver unternimmt. Ich halte ihn nur nicht immer davon ab.
























